Ein Südamerika-Paludarium am Niederrheinvon Dr. Jost Borcherding
Nach der Fertigstellung des Hauses habe ich seit 1999 angefangen mein Südamerika-Biotop-Paludarium aufzubauen. Es steht in meinem Arbeitszimmer und nimmt die ganze Nordwand des Raumes ein, wobei das Fenster des Raumes auf der Ostseite liegt und das Becken somit morgens von der Sonne beschienen wird. Das Becken ist etwas über 4,5 m lang, rund 80 cm hoch und 75 cm tief (Bruttovolumen rund 2.400 l). Über diesem Wasserteil befindet sich ein Landteil, der in etwa nochmals das gleiche Volumen hat. Bei dieser Größe und dem Volumen kommt man auf ein Gewicht von insgesamt rund 5 Tonnen und damit ist klar, daß das ganze nicht auf einem Estrich oder sonst etwas stehen kann. Das Becken steht letztendlich auf zwei, über die ganze Länge reichenden 10 cm breiten doppel-T-Trägern, die in insgesamt 7 Grundmauern eingelassen sind, welche wiederum direkt auf dem Fundament aufgemauert wurden. Der gesamte Unterbau wurde schließlich als Schrank ausgebaut (Bild 1) ![]() Bild 1: hier der Versuch eines Fotos vom Ganzen, und die Probleme. Die Spiegelungen in den Scheiben überdecken alles. Auch Profi-Fotografen haben nach mehreren Anläufen inzwischen aufgegeben. Fazit: aufgrund der Räumlichkeiten als Ganzes unfotografierbar! Das Aquarium selbst ist aus 12 mm Glas (Ausnahme der Boden, hier 15 mm) vor Ort direkt auf den mit dünnem Styropor abgedeckten T-Trägern geklebt worden. Aufgrund der eigentlich zu geringen Glasstärke wurden an 3 Stellen am oberen Rand Querstreben zur Stabilisierung eingeklebt (vgl. Bild 2). Des weiteren befindet sich rundherum um das Aquarium ebenfalls aus Stabilitätsgründen und zudem als Übergang zum Landteil eine ca. 10 cm breite und 4 cm hohe Rinne, in der eine Schicht aus Blähton und Sedimenten den Bodengrund für den Landteil bilden. Aufgrund einiger permanent offenen Verbindungen zum Wasser befindet sich dieser Bodengrund wiederum selbst je nach Wasserstand mit bis zu 2cm im Wasser. Inzwischen hat sich die Flora im Landteil recht gut entwickelt, es dominieren ein klein bleibender Ficus als Boden- und Wandbedecker, Anubias, Javamoos, ein paar Farne, ein paar Mangroven (Bild 2 & 3) und noch ein paar andere Pflänzchen. Ach ja, neben dem direkten Wasserkontakt der meisten Pflanzen durch ihre Wurzeln, die z.T. auch weit ins Aquarium reinhängen, wird zweimal am Tag mit einer Hochdruckpumpe und entsprechenden Düsen ein Wasserdampfnebel/Sprühregen erzeugt, eben Regenwaldatmosphäre (Bild 2 - 4). ![]() Bild 2: Im Vordergrund des Landteils eine der Mangroven und dahinter die inzwischen vollständig überwachsenen Querstreben des Aquariums. Oben rechts erkennt man die Spot-Lampen, einen Teil der Neonröhren sowie 2 der Berieselungsdüsen (sehr klein). ![]() Bild 3: Hier der Landteil von der gegenüberliegenden Seite, auf der linken Seite sieht man die Frontscheiben. ![]() Bild 4: 2 Mangroven in der Umlaufrinne vor der Kork-Rückwand, die inzwischen fast vollständig von der kleinen Ficus-Art bedeckt ist. Beleuchtet wird das ganze mit insgesamt 18 "normalen" Halogen-Spotlampen (9 á 20 Watt und 9 á 35 Watt), die in der Decke des Landteils eingelassen sind und mit zwei unterschiedlichen Schaltkreisen angesteuert werden. Hinzu kommen noch zwei Neonröhren um den Pflanzen des Landteils auch etwas gutes zu tun. Das Licht der Spotlampen schafft eine sehr natürliche, dem Sonnenlicht ähnliche Atmosphäre. Die Strahlungsenergie der Lampen übernimmt auch den wesentlichen Anteil bei der Erwärmung des Aquariums (Temperatur s. Bild 5). Im Winter ist zusätzlich ein Kreislauf der normalen Fußbodenheizung des Hauses, der separat in einem Sandbett unter dem Aquarium installiert ist, über ein temperaturgesteuertes Ventil zugeschaltet. Zur Entlüftung und Kühlung sind im Landteil zwei Rohrentlüfter eingebaut, die mehrmals am Tag die sich im Sommer z.T. stark erwärmende Luft austauschen. Die gesamten Energiekosten sind in der folgenden Tabelle zusammengefaßt. Tab. 1: Stromverbrauch
![]() Bild 5: Wassertemperatur im Juni 2002. Der deutliche Abfall der Temperatur nach einem Wasserwechsel sowie die nachfolgende Erwärmung sind ebenso zu erkennen, wie auch der schwach ausgeprägte Tagesgang der Temperatur (ca. 0,5 °C pro Tag). AKTUELL: Anfang März 2004 wurde zusätzlich ein interner HMF (ca. 60x70 cm) installiert, der zukünftig den externen HMF ersetzen soll. Gefiltert wird das Becken im wesentlichen durch einen HMF, der in einem externen Filterbecken unter dem Aquarium installiert wurde. Hierzu wurde ein Filterbecken (60x60x40) so umgebaut, daß ein externer HMF mit den bei Olaf Deters genannten Flächen- und Strömungsbedingungen herauskam, und dies für ein Aquarium von immerhin 2.400 l. Dazu wurde das Filterbecken folgendermaßen umgestaltet (Bild 6): als erstes wurde eine Scheibe eingeklebt, wodurch das eigentliche Filterabteil mit einer Größe von 60x40 und einer Höhe von 32 abgetrennt wurde (alle Angaben in cm, ca.-Werte). Dieses Filterabteil wurde dann wiederum in 4 einzelne Kompartimente von 40x15 und einer Höhe von 37 unterteilt. Damit standen 4 Filterkammern für einen HMF von jeweils 40x32 cm, also insgesamt etwas mehr als einen halben Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Bei einer Pumpenleistung von rund 2.500 l/h (Beckeninhalt wird also etwas mehr als ein mal pro Stunde ausgetauscht) wird damit eine Anströmgeschwindigkeit von etwas mehr als 8 cm/min erreicht, also im optimalen Bereich, nach den Angaben von Olaf Deters. Ich habe 10 cm Matten gewählt, weil diese einerseits die erforderliche Festigkeit für nahezu freistehende Matten haben. Andererseits bin ich der Meinung, daß zwar die wesentlichen Abbauprozesse möglicherweise wirklich nur in den ersten 2 cm stattfinden, daß aber das zusätzliche Mattenvolumen womöglich doch der Lebensraum für jene Protozoen ist, die als Fraßfeinde für die abbauende Bakterien in jedem Fall vorhanden sein müssen, um die Bakterienkulturen jederzeit in einer exponentiellen Wachstumsphase und damit unter möglichst optimalen Abbaubedingungen zu halten. Der Zulaufbereich zu den Filterkammern (separat jeweils auf der gesamten Filterfläche bei einer Breite von 2 cm auf eine Höhe von 37 cm überhöht) liegt ca. 5 cm über der Ablaufhöhe von 32 cm, es besteht also genügend Spielraum für den zu erwartenden Anstieg des Wasserspiegels aufgrund der Staudrucks durch die Matten (siehe Angaben von Olaf Deters). Aus dem Ablaufbereich fließt das gesäuberte Wasser nun bei einer Stauhöhe von etwas über 32 cm in das Pumpenabteil, von wo es mit einer starken Tauchpumpe wieder in das Aquarium zurück befördert wird. An dieser Trennscheibe kann noch eine jederzeit herausnehmbare Torffilterkammer eingehängt werden, durch die das gefilterte Wasser fließt, bevor es von der Pumpe zurück ins Aquarium befördert wird. Im Aquarium selbst ist zudem ein mittelgroßer Innenfilter installiert, der für zusätzliche Strömung und ein gewisses Sicherheitspotential sorgt, für den Fall von Wartungsarbeiten am externen HMF. ![]() Bild 6: Schemazeichnung des externen Filterbeckens mit dem HMF Die Rückwand des Aquariums wurde aus Beton moduliert. Aufgeteilt in 8 einzelne, genau abgemessene Platten, wurde unterschiedlich gefärbter Beton (Abtönfarbe) in einer dünnen Schicht auf eine Trägerschicht (starkes Kunststoffnetz) aufgetragen und zusammen mit Steinen, Wurzeln und Höhlen (Tonröhren) zu einem Gesamtbild verarbeitet, das nach meiner Vorstellung einem Steilufer an einem Bach- oder Flußlauf ähnlich sein sollte (Bilder 7-10). Jede einzelne dieser Platten wiegt etwa 30-40 kg, Sie wurden mit Silikon an die Rückwand des Aquariums geklebt. Als Bodengrund wurde gewaschener Rheinsand mit kleinen Anteilen von Feinkies in einer Schichtdicke von etwa 10 cm eingebracht. Des weiteren besteht die Inneneinrichtung aus zwei großen Steinhaufen (zusammen etwa 500 kg) sowie jeder Menge Moorkienholz. An submersen Pflanzen existiert praktisch nur Anubias barteri, die als einzige mit der relativ schwachen Beleuchtung bei gleichzeitig starkem Fraßdruck zurechtkommt und dabei langsam aber stetig wächst. In der folgenden Bilderserie, in der jedes Bild etwa 1/8 des gesamten Aquariums zeigt, geht man im Prinzip von links nach rechts am Aquarium vorbei. Hier werden beispielhaft die Abschnitte 3/8, 4/8, 7/8 und 8/8 gezeigt (Bilder 7-10), diese Fotos stammen von Olaf aus Uedemerbruch. ![]() Bild 7: 3/8 des Aquariums mit drei Kirschflecksalmlern, einem der großen Acarichthys und im Vordergrund zwei der Biotodoma. An diesem Bild kann man gut die im Text genannte Rückwand, die ins Aquariums hängenden Wurzeln, aber auch die insgesamt geringe Ausleuchtung erkennen, es gibt weite Bereiche die dunkel bleiben. ![]() Bild 8: 4/8 des Aquariums mit einem der Steinaufbauten. ![]() Bild 9: 7/8 des Aquariums wiederum mit einem der Acarichthys, der sich hinter dem zweiten Steinhaufen zu verstecken sucht. ![]() Bild 10: 8/8 des Aquariums mit zwei Mesonauta. Das Aquarium wird praktisch nur mit Regenwasser betrieben, welches im Haus neben dem normalen Stadtwasser in einem zweiten Versorgungskreislauf zur Verfügung steht. Ein direkt am Becken installierter Wasserhahn erleichtert den in der Regel (wenn genügend Regenwasser zur Verfügung steht) alle zwei Wochen stattfindenden Wasserwechsel von jeweils 1.000-1.200 l. Mit diesem Wechselintervall hält man in etwa ein Leitfähigkeitsniveau, daß zwischen 100 und 200 µS/cm schwankt (Bild 11). Die tägliche Zunahme von durchschnittlich etwa 3 µS/cm und Tag beruht dabei sicher nur auf der Futterzugabe (praktisch nur Frostfutter und falls vorhanden Lebenfutter, sowie Gemüse für die Welse). Die anderen Wasserwerte sind unspektakulär, Gesamthärte immer kleiner 2 °, KH etwa 3 °, Nitrat meist nicht nachweisbar, Nitrit sowieso nicht. Nur der pH-wert ist mit etwa 7-7,4 etwas zu hoch, doch schlugen bisher alle Versuche fehl, ihn dauerhaft in den Bereich von 6,5 abzusenken. ![]() Bild 11: Die Leitfähigkeit über einen Verlauf von etwa 8 Monaten in 2002. Jeweils zu den Wasserwechseln wurde die Leitfähigkeit gemessen, und zwar vorher und nachher. Nach einem Wasserwechsels erniedrigt sich die Leitfähigkeit schlagartig, um dann langsam wieder bis zum nächsten Wasserwechsel anzusteigen. ![]() Bild 12: Als zusätzlich Struktur wurde im Herbst 2003 eine Höhlenwand ins Becken eingebracht (im Vordergrund 3 der Acarichthys heckelii). Die Wand wurde aus Abwasserrohren verschiedener Durchmesser, Draht zum Verbinden und schließlich aus Fliesenkleber aufgebaut. Sie besteht aus 19 einzelnen Höhlen, die bis zur Wasseroberfläche reichen. Es gibt Höhlen die hinten offen sind, einige haben nur kleine Öffnungen für den Wasseraustausch und andere sind ganz geschlossen. Kommen wir zu den Fischen (Stand März 2004), und hier zunächst die Cichliden. Die obere Wasserregion wird von 3 Paaren Mesonauta sp. (NZ einer unbekannten Art aus dem Tapajos, siehe Bild 10 & 13) beherrscht. Diese inzwischen bis zu 18 cm großen Fische laichen regelmäßig im Becken ab und bringen je nach Lust und Laune die Tiere auch bis zur freischwimmenden Larve. Nachdem die Jungen dann etwa 2-3 Tage freischwimmen ist in der Regel keiner mehr übrig, der Räuberdruck ist für solches Ichthyoplankton eben doch enorm groß. Der mittlere Wasserteil wird von 5 Acarichthys heckelii, die z.T. bis zu 23 cm groß sind, beherrscht (Bild 12). Auch hier gibt es immer wieder Ansätze zur Paarbildung (insbesondere nach Wasserwechseln), doch scheint im Becken die richtige Reproduktionshöhle zu fehlen, immerhin bauen die Tiere in der Natur bis zu 50 cm tiefe Höhlen in den Lehmboden. Der untere Bereich ist der bevorzugte Lebensraum von 5 Biotodoma sp. "Arapauia" (kein cupido, kein wavrini, die dritte noch unbeschriebene Art) sowie, bevorzugt in Höhlen und Unterständen von 2 (ehemals 5) Crenicichla regani "Tapajos". Letztere hatten auch mehrfach abgelaicht, doch ist bei diesen pH-Werten keine erfolgreiche Entwicklung des Geleges zu erwarten. ![]() Bild 13: Das vordere Drittel des Aquariums mit einigen seiner Bewohner, Mesonauta, Acarichthys und ein paar Welsarten. Im Freiwasser gibt es zur Zeit noch 1 Kirschflecksalmler Hyphessobrycon erythrostigma, der letzte Überlebende eines Schwarms von ehemals 10 Tieren, die ganz zu Beginn eingesetzt worden waren. Der Hauptanteil der Fische kommt aus der Gruppe der Welse (Bild 14). Praktisch von Anfang an dabei sind 4 Sturisoma cf. festivum (bis zu 22 cm groß), 4 Panaque cf. nigrolineatus (9-12 cm groß) und 2 Peckoltia sp. (L 121 oder L 37, etwa 10 cm groß). Hinzu kamen seit Mitte 2002 insgesamt 5 Blauaugen (Panaque cochliodon, der größte etwa 24 cm, einer 23, siehe Bild 15, drei kleinere zwischen 15 bzw. 18 cm), 3 weitere Panaque cf. nigrolineatus (24, 23 und 12 cm, siehe Bild 16), 1 Panaque sp. "Peru" (19 cm, siehe Bild 17) sowie eine mir von mir nicht einzuordnenden Chaestostoma sp. (L 147) oder eher Peckoltia sp. (L 205)-Art (ca. 12 cm). Diese Welse leben alle friedlich zusammen, und sowohl inter-, aber insbesondere intraspezifische Aggressionen gibt es selten, lediglich die großen Panaque's beharken sich manchmal. Solche Machtkämpfe werden in der Regel mit den Odontoden geführt, mit denen man versucht den Gegner zu stechen und dann wegzudrängen. Bis auf diese Ausnahme gibt es aber praktisch keine Kämpfe, außer wenn's um die Zucchini geht. Feste Territorien gibt es vermutlich (bisher) nicht. Alle Welse zusammen raspeln in etwa 15-20 kg Moorkienholz pro Jahr klein, da muß man sich mit dem Nachschub schon ranhalten. Extra Futter für die Welse wird praktisch nicht ins Becken gegeben, außer eben regelmäßig (2-3 pro Woche) eine Zucchini, die dann aber auch, je nach Größe in wenigen Stunden verschwunden ist. ![]() Bild 14: Welsgetümmel an einer 20 cm Zucchini. Zu sehen sind P. cf. nigrolineatus (2 kleinere und einer der beiden großen), zwei kleinen Blauaugen, einer der Sturisomas und ein Peckoltia sp.. ![]() Bild 15: Ein großes Blauauge. ![]() Bild 16: Drei der Panaque cf. nigrolineatus. Das soll alles die "gleiche" Art sein? Glaube ich nicht! ![]() In jedem Fall kam es mir bei meinem Aquarium darauf an, möglichst solche Bedingungen zu schaffen, wie ich mir den Lebensraum im Amazonasbecken vorstelle. Das hat zwar auch ein paar Nachteile (einige Besucher "beschweren" sich über zu wenig Licht, weshalb die Fische vordergründig nicht so "schön bunt" sind), aber ich glaube, meine Fische finden das ganz o.k. so, jedenfalls sind sie in einer wirklich tollen Verfassung und Krankheiten oder unerklärliche Todesfälle gab es praktisch noch nie. Copyright: Text und Bilder: Dr. Jost Borcherding (2004). |